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Aus einem Interview, das der New Yorker Journalist Levi Silberstein für die Village Voice mit Ditha Brickwell geführt hat:

Levi Silberstein: Sie geben an, Sie leben in Wien und Berlin; wo also: in Wien oder Berlin? Pendeln Sie?

Ditha Brickwell:

In Berlin sitze ich in meinem schönen Garten und schreibe. In Wien sitze ich im Kaffeehaus und treffe im Zwei-Stunden-Rhythmus Leute. Obwohl ich nach Sternzeit nur 40% des Jahres in Wien bin, sind es in meinem Kopf und in der Erinnerung 80%.

Levi Silberstein: Sie schreiben historische Romane, kann man das so sagen?

Ditha Brickwell:

Na ja, der erste Roman – Angstsommer – handelt im Jahr 1945 – von Schrecken und Burlesken nach dem Kriegsende … und der „Kinderdieb" spielt im düsteren Wien der fünfziger Jahre – in diesem Sinn sind die Bücher historisch, auch habe ich die Ereignisse sorgfältig erkundet. Aber die Erfahrung meiner Lebensspanne habe ich bisher nicht verlassen, das kommt vielleicht noch …

Levi Silberstein: Sie schreiben sehr lokal, sozusagen im Sprachkleid der Provinz. Glauben Sie, daß Sie das Weltpublikum in New York dafür interessieren können?

Ditha Brickwell:

Das Weltpublikum in New York besteht aus lauter Leuten, die kleine Heimaten haben, das Village selbst ist doch sehr lokal – und nur in diesem Kontext sind Figuren echt. Denken Sie an James Joyce, er sprach viele Sprachen, lebte lange in Triest und schrieb sehr irisch. Oder Virginia Woolf – in ihren Texten spürt man die Gärten Englands.

Levi Silberstein: Sie schreiben auch Biographien …

Ditha Brickwell:

Ja, weil die Leserinnen neugierig sind auf den wahren Stoff des Lebens …

Levi Silberstein: Sie haben bis jetzt 9 Bücher geschrieben, ihr neuestes heißt Verletzte Paradies … ist nun Schluß damit, reicht Ihnen das?

Ditha Brickwell:

Nein. Ich arbeite an einem großen und an einem sehr großen Stoff.

Levi Silberstein: Warum nennen Sie den Stoff groß?

Ditha Brickwell:

Weil er von der Apokalypse handelt – oder zumindest von der Lust am Untergang, von hundert Jahren Leben, Liebe, Tod und Teufel.

Levi Silberstein: Warum schreiben Sie dann noch Essays?

Ditha Brickwell:

Ein Essay ist ein kleiner Schatz, da kann ich die Leserin bei der Hand nahmen und dem Leser was erklären, aber nur soviel, daß das Nachdenken anspringt. Ungewöhnliche Perspektiven, überraschende Erklärungen, ein Knick ins Komische, etwas offen lassen für später – so sind sie, meine Essays. Ich bin halt gelernte Architektin; in der Architektur herrscht ein ähnliches ästhetisches Prinzip.

Levi Silberstein: Sie haben früher als Expertin für Regionale Entwicklung gearbeitet, in Brüssel und in Berlin, Was war das?

Ditha Brickwell:

Na ja, wirtschaftliche Dynamik in arme Stadtteile bringen, den Ausgegrenzten, Armen und Kleinen helfen.

Levi Silberstein: Warum dann in Brüssel, dort sind ja nur die Großen!

Ditha Brickwell:

Man muß bei den Großen anklopfen, nachschauen und Erfolge nachahmen, wenn man den Kleinen helfen will.

Levi Silberstein: Das klingt aufregend. Und dieses Leben haben Sie aufgegeben? Tut es Ihnen nicht leid?

Ditha Brickwell:

Sie ahnen nicht, wie abenteuerlich es ist, zu schreiben …

Levi Silberstein: Und deshalb schreiben Sie?

Ditha Brickwell:

Nein. Ich schreibe, weil ich muß, sonst pickt mich der Talentvogel auf meiner Schulter – und tut mir weh.

Levi Silberstein: Ditha Brickwell, wir danken für dieses Gespräch.